Im Weltladen in Rheine können die Besucher viele fairgehandelte Produkte kaufen. Damit kann beinahe alles im Haushalt abgedeckt werden. (Bildrechte: Weltladen Rheine)

Sehr schlechte Löhne, mangelnde Bildung, Kinder- und Zwangsarbeit gehören für viele Menschen in Afrika, Asien und Südamerika zum Alltag. Doch diese Umstände sind so weit weg, dass sie uns häufig vergessen lassen, wie selbstverständlich beinahe jeder freiwillig einer Arbeit nachgeht und am Ende des Monats entsprechend dafür entlohnt wird. Davon können Grundbedürfnisse bezahlt und ein bisschen Luxus sowie Freizeit gestaltet werden. Die eigenen Kinder genießen eine Schulbildung und haben Zeit, sich in ihrer Freizeit zu entfalten. „Unsere Weihnachtsspende ruft uns das wieder ins Bewusstsein“, erklärt Rudolf Melching, Geschäftsführer der blue:solution software GmbH. Mit 2.000 Euro unterstützt das Softwareunternehmen aus Rheine in diesem Jahr gleich zwei regionale Projekte, die gerne etwas Gutes in den fremden Welten tun: 1.000 Euro fließen in die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Solidarische Welt e.V. – Bildungsinitiative für den Fairen Handel – und 1.000 Euro gehen, wie schon im vergangenen Jahr, an Axel Roosen, der im südafrikanischen Nambia eine Highschool unterstützt.

Freude über Spende

Spende Nambia

Als ehemaliger Physik- und Sportlehrer lässt es sich Axel Roosen nicht nehmen vor Ort auch Unterrichtseinheiten durchzuführen oder sich mit dem Lehrpersonal über Unterrichtsinhalte auszutauschen. (Bildrechte: Axel Roosen)

„Wir freuen uns sehr über die finanzielle Unterstützung“, sagt Michael Remke-Smeenk, ehrenamtlich tätiger geschäftsführender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Solidarische Welt e.V.. Auch Axel Roosen, der als Pensionär und ehemaliger Physiklehrer an einer Schule in Namibia im Experimente durchführt und somit den Schülern die Naturwissenschaft näher bringt, freut sich über die weitere Zuwendung. Im vergangenen Jahr floss das Geld in den Bau eines Fußballplatzes, der vor Ort zur Verbesserung der wichtigen Kommunikation unter den Stämmen beiträgt. Geplant ist die Installation einer Beschattung, weitere Arbeiten am Fußball- und Basketballfeld, Renovierungsarbeiten an den Fenstern… es gibt immer einiges zutun. „Dieses Engagement hat uns so beeindruckt, dass wir es auch in diesem Jahr unterstützen wollen“, erklärt Rudolf Melching.

Der andere Teil der Spende fließt in die Bildungsarbeit des Vereins Arbeitsgemeinschaft Solidarische Welt e.V.. Sie kann „die Welt zwar nicht retten, aber ein kleines Stück verändern“, betont Michael Remke-Smeenk. Der Verein ist auch Träger des Weltladens an der Hansastraße 17, in dem ausschließlich fairgehandelte, meist auch BIO zertifizierte, Waren verkauft werden. In „fairen Schulstunden“ im Weltladen erfahren Schulkinder von dem arbeitsreichen und schlecht entlohnten (Arbeits-)Leben der Kinder in anderen Ländern. Sie können fairgehandelte Schokolade sowie Säfte probieren und wissen im Anschluss, dass beim Kauf dieser Waren „mehr bei den Bauern und Beschäftigten hängen bleibt“, erklärt Remke-Smeenk. Das hat beispielsweise zur Folge, dass die eigenen Kinder zwar immer noch nachmittags auf den Feldern helfen, aber morgens auf jeden Fall zur Schule gehen können, um mit entsprechender Bildung einen Beruf zu erlernen und um sich eine lebenswerte Zukunft zu sichern.

Bildungsarbeit vor Ort: In der Fairen Schulstunde lernen Kinder fairgehandelte Produkte kennen und erhalten Informationen über die Arbeitsbedingungen in anderen Ländern. (Bildrechte Weltladen Rheine)

Bildungsarbeit beseitigt Geschmacksängste

Erwachsene lädt der Verein zu fairen Weinproben und Kaffeetafel ein. Hier gilt es Berührungs- und Geschmacksängste zu beseitigen. „Wir zeigen, dass fairgehandelter Wein oder Kaffee nicht nur super schmeckt, sondern auch noch ergiebig ist“, betont Michael Remke-Smeenk. So ist fairgehandelter Kaffee zwar deutlich teurer, aber aufgrund des guten Röstverfahrens und somit geringen Wassergehaltes, viel ergiebiger. Weniger Pulver sorgt auch für einen milderen Geschmack. Ein weiterer Tipp vom Experten: Schokolade mit Palmöl sei nicht nur schlecht für die Urwaldregionen, in denen zugunsten von Palmplantagen massive Rodungsarbeiten stattfinden, sondern auch ungesund, weil es die Herzkranzgefäße belastet. Fairer Kakao werde ausschließlich aus Kakaobutter gewonnen, deren Fett ganz aus dem Kakao gelöst und somit einen höheren Kakaoanteil habe. Und: Bei fairgehandeltem Kakao profitieren auch die Kakaobauern durch deutlich höhere Löhne. Tipp für den Alltag ist das „Mittel zum Zweck“ in der Bildungsarbeit und das führt nicht nur für mehr Kundschaft im Weltladen, sondern eben auch für eine Nachfrageänderung im Großen. Die positive Folge: Fair Trade hält auch im Discounter Einzug. Auch die Nachfrage nach regionalen Produkten kann sich mit der Bildungsarbeit verändern. Denn es gehe nicht immer nur um fairen Handel für Asien, Afrika und Südamerika. „Auch unsere heimischen Bauern profitieren von fairen Produkten“, erklärt der 56-Jährige.

Plastiktüte gegen Jutebeutel getauscht

In den 1980er Jahren war für Remke-Smeenk klar: „Ich möchte etwas verändern und dem unüberlegten Konsum den Rücken kehren“, erinnert er sich. Schon damals tauscht er die Plastiktüte gegen die Jutebeutel und seine konventionellen Lebensmittel gegen fairgehandelte Waren ein. Als er 1999 mit seiner Frau nach Rheine zieht, setzt er sich für die Arbeit im Weltladen ein. Bei der Gründung des Vereins Arbeitsgemeinschaft Solidarische Welt e.V. vor rund 40 Jahren hat der Verein 17 Mitglieder, heute sind es bereits 72. Im Weltladen können Kunden aus mehr als 500 Waren auswählen. „In unserem Weltladen können Haushalte fast komplett ausgestattet werden“, erklärt er nicht ohne Stolz und macht deutlich: auch Fair Trade hat sich verändert.

2017-12-19T10:31:19+00:00